Ken Doherty: Der Snooker-Weltmeister aus Dublin
Wer Snooker liebt, kennt diesen Moment: Ein junger Ire steht am Tisch im Crucible Theatre, braucht noch einen Ball – und schreibt Geschichte. Am 5. Mai 1997 wurde Ken Doherty Snooker-Weltmeister. Für Irland war es ein nationales Ereignis. Für den Snooker-Sport war es eine Sensation. Und für alle, die diesen bescheidenen, charmanten Dubliner kennen, war es schlicht verdient.
Aufgewachsen mit dem Queue in der Hand
Kenneth Joseph Doherty wurde am 17. September 1969 im Dubliner Stadtteil Ranelagh geboren. Seine Leidenschaft für das Spiel begann früh – mit acht Jahren saß er vor dem Fernseher und schaute mit seinem Vater die BBC-Sendung Pot Black. Der Spieler, der ihn am meisten faszinierte? Alex Higgins, der wilde „Hurricane" aus Belfast. Zu Weihnachten bekam der kleine Ken einen Miniatur-Snooker-Tisch geschenkt, und schon bald verbrachte er jeden freien Moment in Jasons Snooker Hall in Ranelagh.
Es war kein glamouröser Weg. Snooker galt in Irland nicht als Hauptsport, die Infrastruktur fehlte. Um wirklich Profi werden zu können, musste Doherty nach London ziehen. Dort erhielt er kostenlose Unterkunft und Trainingszeit im Ilford Snooker Centre – dank des irischen Profispielers Eugene Hughes, der die Talente seines Landsmanns früh erkannte.
Amateur-Weltmeister und der Sprung ins Profilager
Noch als Amateur zeigte Doherty, was in ihm steckte. 1989 gewann er sowohl die Weltmeisterschaft der Unter-21-Kategorie als auch den World Amateur Snooker Championship – eine Kombination, die bis dahin kein Spieler erreicht hatte. 1990 wechselte er ins Profilager.
Der Durchbruch auf der Tour ließ nicht lange auf sich warten. Beim Grand Prix 1992 stand er erstmals in einem Ranking-Finale, verlor jedoch knapp 9:10 gegen Jimmy White. Nur wenige Monate später holte er beim Welsh Open 1993 seinen ersten Ranking-Titel – ein 9:7-Sieg gegen Alan McManus. Damit war klar: Dieser Mann gehörte zur absoluten Weltklasse.
Sheffield 1997: Die Nacht, die alles veränderte
Das Crucible Theatre in Sheffield ist seit 1977 die Heimat der Snooker-Weltmeisterschaft – ein ehrwürdiges Haus mit einer einzigartigen Atmosphäre, das der Guardian treffend als „spirituellen Heimatort des Snookers" bezeichnet hat. Hier spielen sich die Legenden des Sports ab. Und hier schrieb Ken Doherty sein wichtigstes Kapitel.
Im Finale der Weltmeisterschaft 1997 traf er auf Stephen Hendry, den damals dominierenden Spieler der Welt. Hendry hatte das Crucible zu seiner persönlichen Festung gemacht: 29 Matches in Folge hatte er dort gewonnen. Sechs Weltmeistertitel, sechs aufeinanderfolgende WM-Finale – er schien unbesiegbar.
Doherty ließ sich davon nicht einschüchtern. Mit ruhiger Hand, klugem Spiel und einer Nervenstärke, die viele so nicht erwartet hatten, dominierte er die Partie. Das Endergebnis: 18:12 für Doherty. Hendry musste erstmals seit 1991 am Crucible eine Niederlage hinnehmen – ausgerechnet im Finale.
Ken Doherty wurde damit der einzige Weltmeister aus der Republik Irland in der Geschichte des professionellen Snookers. Und er war der erste Spieler überhaupt, der sowohl den Amatuer-Weltmeistertitel als auch den Profi-Weltmeistertitel gewonnen hatte. In Dublin feierten Tausende auf den Straßen.
Der Titelverteidiger und das Crucible Curse
Das Schicksal des Titelverteidigers ist im Snooker oft bitter. Auch Doherty blieb davon nicht verschont. 1998 kehrte er als amtierender Weltmeister ins Crucible zurück – und verlor das Finale gegen John Higgins mit 12:18. Der sogenannte Crucible Curse, nach dem kein Titelverteidiger seinen Titel sofort verteidigen kann, hatte zugeschlagen.
Doch Doherty ließ sich nicht entmutigen. Und 2003 lieferte er eine der dramatischsten Finalpartien der WM-Geschichte: Gegen Mark Williams lag er mit 2:10 hoffnungslos zurück. Was dann folgte, war purem Willen und Klasse geschuldet – Frame für Frame kämpfte er sich zurück, egalisierte auf 11:11. Am Ende siegte Williams doch noch 18:16. Ein verlorenes Finale – aber eine Geschichte, die man nicht vergisst.
Sechs Ranking-Titel und eine lange Karriere
Insgesamt gewann Ken Doherty sechs Ranking-Titel auf der World Snooker Tour:
- Welsh Open: 1993 und 2001
- Malta Cup: 2000 und 2006
- Thailand Masters: 2001
- Weltmeisterschaft: 1997
Seine beste Weltranglistenposition erreichte er in der Saison 2006/07 mit Platz 2. Jahrelang gehörte er zur absoluten Weltspitze – ein konstanter, verlässlicher Spieler, dem das Publikum in aller Welt warm zugetan war.
Der Mensch hinter dem Spieler
Was Ken Doherty von vielen anderen Profis unterscheidet, ist seine Bodenständigkeit. Er ist bekannt als freundlicher, humorvoller Zeitgenosse – sowohl an der Snookertable als auch abseits davon. Seine Popularität in Irland ist bis heute enorm; er ist eine Nationalfigur, die den Snooker-Sport in die irischen Wohnzimmer gebracht hat.
Für deutsche Fans, die seine Karriere von Beginn an verfolgt haben, verkörpert Doherty das Beste des Sports: Leidenschaft ohne Arroganz, Talent ohne Starallüren, Ehrgeiz ohne Kälte. Genau das macht ihn zu einem der beliebtesten Spieler, die das Crucible je gesehen hat.