Eva Sirch

Die Snooker-Weltmeisterschaft im Crucible: Geschichte und Tradition

· Eva Sirch

Das Crucible Theatre in Sheffield ist mehr als nur ein Veranstaltungsort. Es ist ein Heiligtum. Wer als Snooker-Fan einmal in diesem kleinen, intimen Theater gesessen hat – umgeben von 980 anderen Menschen, die den Atem anhalten, während ein Spieler über den entscheidenden Ball nachdenkt –, der versteht sofort, warum dieses Turnier einen ganz anderen Status genießt als alle anderen.

Von der Bühne zum Snooker-Tempel

Das Crucible Theatre wurde 1971 eröffnet und war ursprünglich als Repertoiretheater konzipiert. Die besondere Halbrund-Architektur, bei der kein Zuschauer weiter als neun Meter von der Bühne entfernt sitzt, sollte Nähe zum dramatischen Geschehen erzeugen. Das ist ihr gelungen – allerdings auf eine Weise, die die Gründer kaum vorhergesehen haben dürften.

1977 fand die Snooker-Weltmeisterschaft zum ersten Mal im Crucible statt. Der damalige BBC-Produzent Nick Hunter hatte das Theater entdeckt und war überzeugt, dass es perfekt für Fernsehübertragungen geeignet sei. Er hatte recht. Die enge Atmosphäre, die Konzentration der Stille, der grüne Tisch unter der Beleuchtung – das Crucible verwandelte Snooker von einem Hinterzimmer-Spiel in ein Fernsehereignis.

Seit jenem Jahr kehrt die Weltmeisterschaft jedes Frühjahr nach Sheffield zurück. Die Kontinuität selbst ist Teil der Legende.

Die Atmosphäre, die keine Arena ersetzen kann

Es gibt größere Snooker-Arenen. Die Masters in Alexandra Palace fasst über 2.700 Zuschauer, die UK Championship zieht in Hallen mit noch mehr Plätzen ein. Und trotzdem ist das Crucible das Maß aller Dinge.

Der Grund liegt in der Dichte. Zweiundzwanzig Tage lang, von Ende April bis Anfang Mai, herrscht im Crucible eine Anspannung, die sich aufstaut wie Gewitterluft. Spieler haben immer wieder beschrieben, wie anders es sich anfühlt, zum ersten Mal die Stufen hinunterzusteigen und an diesem Tisch zu stehen. Die Qualifikation reicht nicht aus – man muss das Crucible erst "überleben" lernen.

Terry Griffiths, Weltmeister 1979, sagte einmal, der Unterschied zwischen Crucible-Snooker und allem anderen sei wie der Unterschied zwischen Training und Krieg. Das klingt übertrieben, bis man die Gesichter der Spieler in entscheidenden Momenten sieht.

Momente, die in die Geschichte eingegangen sind

1985: Der schwarze Ball

Das Finale zwischen Dennis Taylor und Steve Davis gilt bis heute als eines der dramatischsten Snooker-Matches, das je gespielt wurde. Kurz vor Mitternacht, schwarzer Ball auf dem Tisch, beide Spieler mit 17 Frames gleichauf – Dennis Taylor versenkte den Ball und gewann die Weltmeisterschaft. Mehr als 18 Millionen Briten sahen zu. Für viele war das der Moment, in dem sie zu Snooker-Fans wurden.

1992: Jimmy White und der verpasste Titel

Jimmy White verlor fünf Weltmeisterschaftsfinali – alle im Crucible. Seine Geschichte ist eine der tragischsten im Sport. Gegen John Parrott, gegen Stephen Hendry (viermal), immer wieder scheiterte er im letzten Schritt. Das Crucible kennt keine Sentimentalität.

1997: Ken Doherty schreibt Geschichte

Für Fans von Ken Doherty ist das Finale von 1997 natürlich ganz besonders. Der Ire aus Dublin bezwang den damals dominierenden Stephen Hendry im Endspiel und holte sich den Titel des Weltmeisters. Es war einer jener Momente, in denen das Crucible einen Außenseiter zum Helden macht. Doherty spielte befreit, präzise und mit einer Ruhe, die selbst Hendry aus dem Tritt brachte. Sheffield erlebte eine Überraschung – und Irland seinen ersten Weltmeister seit Alex Higgins 1982.

2012 und das Maximum Break von Ronnie O'Sullivan

Ronnie O'Sullivan erzielte 2012 in der ersten Runde ein Maximum Break – 147 Punkte in einer einzigen Aufnahme – in einer Zeit von 5 Minuten und 8 Sekunden. Es ist das schnellste Maximum Break in der Geschichte der Weltmeisterschaft. Das Crucible tobte.

Sheffield als Pilgerort

Wer einmal Karten für das Crucible ergattert hat, weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Die Nachfrage übersteigt das Angebot regelmäßig erheblich. Fans aus aller Welt reisen nach Sheffield: aus Irland, Deutschland, China, Australien. Vor dem Theater bilden sich Schlangen, drinnen herrscht Handyverbot, und die Zuschauer kennen die Etikette – absolute Stille beim Stoß.

Mehr Informationen zum offiziellen Turnier und den aktuellen Spielständen gibt es direkt bei der World Snooker Tour.

Sheffield selbst ist für diese drei Wochen im Jahr eine andere Stadt. In den Pubs rund ums Crucible trifft man Spieler und Fans, Journalisten und Kommentatoren. Die Stadt nimmt das Turnier an wie ein altes Ritual.

Warum das Crucible unersetzbar ist

Es gab immer wieder Gerüchte und Diskussionen, die Weltmeisterschaft in eine größere Venue zu verlegen – mehr Zuschauer, mehr Einnahmen. Die Spieler selbst haben sich dagegen ausgesprochen. Das Crucible ist Teil der Identität des Turniers. Seine Enge ist seine Stärke. Die Spannung, die in einem Raum dieser Größe entsteht, lässt sich nicht in eine Mehrzweckhalle verpflanzen.

Das Crucible hat Weltmeister gemacht und Träume zerbrochen. Es hat Legenden beherbergt und Außenseiter gefeiert. Es ist der Ort, an dem Snooker jedes Jahr seinen höchsten Ausdruck findet – und für jeden echten Fan der Platz, den man wenigstens einmal im Leben gesehen haben muss.