Eva Sirch

Top-Snooker-Spieler der 1990er und 2000er Jahre: Eine Ära der Legenden

· Eva Sirch

Die neunziger und frühen zweitausender Jahre waren eine goldene Ära des Snooker. Das Spiel erlebte eine Blütezeit, die es so vorher und nachher kaum gegeben hat – mit einer Handvoll Spieler, die das Niveau in schwindelerregende Höhen trieben und Millionen Zuschauer vor die Fernseher lockten. Wer damals dabei war, erinnert sich noch genau an diese Duelle, die einen atemlos zurückließen.

Stephen Hendry: Der Dominator

Kein Gespräch über diese Ära kommt an Stephen Hendry vorbei. Der Schotte aus Bridge of Allan war schlicht und ergreifend das Maß aller Dinge. Sieben Weltmeistertitel in Sheffield, eine Karriere voller Rekorde – Hendry setzte Maßstäbe, an denen sich alle anderen messen lassen mussten. Seine unglaubliche Präzision, kombiniert mit einer fast unmenschlichen Kaltblütigkeit in Entscheidungssituationen, machte ihn zum gefürchtetsten Gegner auf der Tour.

Besonders beeindruckend war seine Dominanz in den frühen 1990ern, als er zwischen 1992 und 1996 fünfmal in Folge Weltmeister wurde. Wer in dieser Zeit gegen Hendry spielen musste, wusste: Es reichte nicht, gut zu sein. Man musste nahezu perfekt spielen.

Ronnie O'Sullivan: Das Naturtalent

Wenn Hendry der Dominator war, dann war Ronnie O'Sullivan das Phänomen. Der „Rocket" aus London spielte Snooker wie niemand sonst – mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die das Publikum regelmäßig in Verzückung versetzte. Sein 147er Maximum Break bei der Weltmeisterschaft 1997 in nur 5 Minuten und 20 Sekunden bleibt eines der ikonischsten Bilder des Sports überhaupt.

O'Sullivan war gleichzeitig Genie und Rätsel. Sein Talent war unbestritten, doch die Konstanz fehlte in jungen Jahren manchmal. Dass er dennoch zu einem der erfolgreichsten Spieler der Geschichte werden sollte, war schon damals absehbar.

John Higgins: Der Zauberer aus Wishaw

John Higgins vervollständigte das, was Snooker-Fans als „Klasse von 92" bezeichnen – jener Jahrgang junger Spieler, der die Tour Ende der Neunziger im Sturm eroberte. Der Schotte war technisch womöglich der vollständigste Spieler seiner Generation. Higgins dachte das Spiel anders als andere, baute Breaks mit einer taktischen Raffinesse auf, die selbst Kenner staunen ließ.

Seine vier Weltmeistertitel verteilen sich über zwei Jahrzehnte – ein Beweis für eine Langlebigkeit, die alles andere als selbstverständlich ist.

Mark Williams: Der stille Starke

Oft unterschätzt, selten unverdient. Mark Williams aus Cwm in Wales war der dritte im Bunde jener walisischen Welle, die die Tour um die Jahrtausendwende prägte. Zwei Weltmeistertitel – 2000 und 2003 – sprechen für sich. Williams spielte nie das schönste Snooker, aber er gewann. Pragmatisch, effektiv, gefährlich.

Seine Fähigkeit, in wichtigen Momenten die Nerven zu behalten, machte ihn zu einem echten Titelkandidaten bei jedem großen Turnier.

Ken Doherty: Der Ire mit dem großen Herz

Inmitten dieser Giganten war Ken Doherty mehr als nur ein solider Mitläufer – er war eine echte Gefahr für jeden auf der Tour. Der Dubliner hatte eine Eigenschaft, die man nicht trainieren kann: Er liebte die großen Bühnen. Sein Weltmeistertitel 1997, als er im Crucible den amtierenden Champion Stephen Hendry aus dem Turnier warf, war einer der emotionalsten Momente in der Geschichte des Sports.

Das Finale 1997

Das Endspiel zwischen Doherty und Hendry gilt bis heute als Klassiker. Doherty gewann 18:12 – und feierte damit nicht nur Irlands ersten Snooker-Weltmeister, sondern auch den Triumph eines Außenseiters gegen den scheinbar unaufhaltsamen Favoriten. Das Crucible bebte.

Doherty erreichte 1998 erneut das WM-Finale, verlor aber knapp gegen John Higgins. Dieses Muster – immer nah dran, immer gefährlich, nie aufgebend – beschreibt seinen Charakter als Spieler treffend.

Mark Selby, Paul Hunter und weitere Protagonisten

Die Tiefe des Feldes in jenen Jahren war beeindruckend. Paul Hunter, der charismatische „Beckham des Snooker", gewann dreimal die Masters in London und begeisterte mit einer Offensivstrategie, die wenig Rücksicht auf Risiken nahm. Sein früher Tod 2006 hinterließ eine tiefe Lücke im Sport.

Peter Ebdon war der klassische Anti-Held – methodisch, geduldig, für Gegner und manchmal auch für das Publikum eine Herausforderung. Sein Weltmeistertitel 2002 nach einem epischen Finale gegen Ronnie O'Sullivan zeigte, dass mentale Stärke über reines Talent siegen kann.

Eine Ära, die prägt

Was diese Zeit so besonders macht, ist nicht allein die Qualität der einzelnen Spieler. Es ist die Dichte an Ausnahmetalenten, die gleichzeitig aktiv waren und sich gegenseitig zu Höchstleistungen trieben. Hendry, O'Sullivan, Higgins, Williams, Doherty – wer in dieser Gesellschaft überleben wollte, musste sein Bestes geben, Woche für Woche, Turnier für Turnier.

Für Fans, die Snooker in jenen Jahren entdeckten, war es eine Lehrzeit in Sachen Faszination. Die Spieler dieser Generation haben den Sport geformt – und viele von ihnen sind bis heute präsent, als Kommentatoren, Legenden oder aktive Teilnehmer auf der Senior Tour.